Trauergedicht zur Grabansprache
Stufen
Wie jede Blume welkt
und jede Jugend
dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch
und jede Tugend zu ihrer Zeit
und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz
bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein
und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit
und ohne Trauern
in andre, neu Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang
wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und
der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum
durchschreiten,
an keinem wie an unsrer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln
und uns engen,
er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch
einem Lebenskreise
und traulich eingewöhnt,
so droht Erschlaffen.
Nur wer bereit zu Aufbruch
ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch
die Todesstunde
uns neuen Räumen jung
entgegen senden,
des Lebens Ruf an uns
wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz,
nimm Abschied und gesunde
Hermann Hesse
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